01_. Der See (Duville remixed)
02_. Meine goldenen Schwestern
03_. Kein Ausgang
04_. Perlen (Mineralöl-Trilogie Teil 1)
05_. Holunderweg
06_. m a n i f e s t 2007 - 05 - 22
07_. Zickzack

Email: timo@thisship.com

15 .man vs. nature

16 .tagträume


I
1) Staaten greifen in das Handeln anderer Staaten ein. Staaten schließen Verträge mit anderen Staaten. Staaten führen Kriege. Ich distanziere mich ausdrücklich von allen Unfreiheiten, die von dem Staat, in den ich zufällig hineingeboren wurde, ausgegangen sind.
2) Ein Großteil der Mitglieder des Staates, in den ich zufällig hineingeboren wurde, war in der Vergangenheit beteiligt an schweren Verbrechen gegen die Menschheit. Ein Großteil der Mitglieder des Staates, in den ich zufällig hineingeboren wurde, empfindet heute große Scham für die Verbrechen ihrer Vorfahren. Ich distanziere mich ausdrücklich von den Verbrechen und von der Scham.
3) Der Staat, in den ich zufällig hineingeboren wurde, spielt - dank dieser Scham - im Handeln einzelner Staaten untereinander eine sehr unsichere Rolle. Dies spiegelt sich z.B. in dem Versuch nieder, eine besonders reine moralische Rolle zu übernehmen oder das angeblich moralisch verwerfliche Handeln anderer Staaten besonders hervorzuheben. Ich distanziere mich von diesem Versuch.

II
1) Ich bin NICHT Unterstützer konservativer Ideen.
2) Ich bin NICHT Unterstützer eines Anti-Konservatismus.
3) Ich bin NICHT Unterstützer linker Ideen.

1) Für gesellschaftspolitische Überlegungen ist die konservative Denkrichtung immer ein guter Ausgangspunkt. Gerade in Deutschland gibt es nicht nur einen starken Konservatismus, sondern auch - in fast noch höherem Maße - einen starken Anti-Konservatismus. Was ist das also für eine Denkrichtung, der die Hälfte der Menschen hier angehört und die die andere Hälfte vehement ablehnt?
Wenn man sich anschaut, wie sich Familien, Gruppen, Staaten organisieren, kann man auf die Idee kommen, dass konservatives Verhalten das natürliche Verhalten des Menschen darstellt, wenn er auf seinesgleichen trifft. Es gibt Familien-, Gruppen-, Staatenregeln, denen das Individuum zu folgen hat und deren Nichtbeachtung ein gesellschaftliches Ausgrenzen nach sich zieht. Es gibt sozusagen einen Radius, inwieweit Verhalten - oder Aussehen - vom "Normalen" abweichen darf. Innerhalb des Radius herrschen starke Anziehungskräfte nach Innen. Jemand, der sich nur ein bisschen anders verhält oder ein bisschen anders aussieht als ein "normaler" Mensch, wird in die Mitte der Gesellschaft (zurück-) geführt. Verhalten, das aber außerhalb des Radius' zu lokalisieren ist, wird sanktioniert. Ein Mensch mit solch nicht akzeptablem Verhalten wird aus der Gesellschaft ausgegrenzt.
Diese konservative Grundstruktur ist in gewissem Maße sehr sinnvoll für den Menschen. Man findet sie unzählige Male in der Natur. Tiere organisieren sich untereinander nach konservativem Muster. Für ein Tier, das sich täglich vor Feinden zu Wehr setzen muss, das aber gleichzeitig angewiesen ist auf andere Artgenossen - etwa zur Paarung oder im Kindesstadium - muss es ein festes Freund-Feind-Raster geben, damit es überleben kann. Konservative Verhaltensmuster - "traue deinen Eltern, sie füttern dich", "misstraue allen fremden Tieren, sie könnten eine Gefahr für dich darstellen" - sind für das Tier also von größter Bedeutung. Ob sich ein anderes Tier jenseits oder diesseits des Toleranzradius befindet, hängt von der Tierart ab. So ist der Unterschied zwischen Einzelgängertieren und Gruppentieren auch nur ein gradueller - die "Toleranzradien" sind einfach verschieden groß.
Das konservative Weltbild überträgt dieses Verhaltensmuster, das sich schon längst in unseren Genen manifestiert hat, auf die Ordnung unserer Gesellschaft. Und es hat dabei den nicht zu unterschätzenden Vorteil, dass es natürlich ist. Wie für jedes Tier gibt es auch für eine konservative Gesellschaft ein Gut und ein Böse. Die Linien, die zwischen diesen beiden Polen abtrennen, gilt es zu definieren. Aufgabe des Staates ist es, nicht hinnehmbare Grenzüberschreitungen zu sanktionieren, Aufgabe der Gesellschaft ist es, gesetzlich nicht geregelte Grenzüberschreitungen zu ächten. Andererseits sollen Menschen, die sich innerhalb des Toleranzradius' aufhalten große Vorteile erhalten. Sie werden wie mit einem Magnet in die Mitte der Gesellschaft gezogen. Sie "gehören dazu". Dabei entsteht etwas, was uns allen viel wert ist: Identität. Wir sind stolz darauf, Mitglied eines bestimmten Staates zu sein, wir sind stolz darauf, zu einer Partei zu gehören. Es gibt viele Gruppen, über die der Mensch Identität gewinnen kann. Im klassischen Konservatismus muss man männlich, weiß, deutsch, heterosexuell, christlich sein, damit einem die vollen Rechte des Staates und der Gesellschaft gewährt werden.

Ich bin NICHT Unterstützer konservativer Ideen.

2) Wie zu jeder starken Bewegung gibt es auch zum Konservatismus eine Gegenbewegung. Eigentlich gibt es sogar mehrere Gegenbewegungen - eine besonders einfache und gerade in Deutschland sehr erfolgreiche ist hier diskutiert. Hier, wo jedes Kind ungefähr zehn mal in seiner Schullaufbahn ausführlich über die Gräueltaten des 2. Weltkrieges und damit einer fürchterlichen Überspitzung der konservativen Idee unterrichtet wird, ist verständlich, dass viele Menschen vom klassischen Konservativen nichts mehr wissen wollen - man hat ja schließlich gesehen, wo das endet. Bei so viel Gräultaten, die aus Deutschland hervorgingen, ist es eben nicht leicht zu sagen "ich bin deutsch und stolz darauf". Andere Muster, wie man zu sein hat und wie man sich zu verhalten hat, müssen her. Muster, die am besten nichts mit "Deutschland" zu tun haben. So entstehen Pseudo-Linke-Gruppen, in denen jede Kritik an Minderheiten untersagt ist, in denen man plötzlich weiblich, schwul, ausländisch oder arm sein muss, um dazuzugehören. Quotenregelungen - als Korrekturkurs zum Konservativen sicher noch manchmal sinnvoll, an sich genommen aber unerträglich - und Political Correctness sind die Folgen. Geächtet wird plötzlich, wer konservativ ist.
Aber anstatt das konservative Modell anzugreifen, werden bei dieser Bewegung nur ein paar Parameter geändert. Das Abgrenzen von den klassischen Ausprägungen des Konservatismus, erfolgt nach hoch-konservativen Gesetzen. Das Feindbild "fremd" ist lediglich durch das Feindbild "konservativ" ersetzt.

Ich bin NICHT Unterstützer eines solchen Anti-Konservatismus.

3) Im Gegensatz zu den gerade definierten "Pseudo-Linken" rütteln an dem konservativen Modell schließlich die "echten" Linken. "Gleichheit" wird hier zum Leitbild erhoben. Übertragen auf das eben beschriebene konservative Modell bedeutet dies, dass der Toleranzradius ins Unendliche ausgedehnt wird, dass aber trotzdem noch hohe, teilweise sogar höhere Anziehungskräfte ins Innere der jeweiligen Gruppe bestehen. Andere werden eben gleich gemacht, ob sie das wollen oder nicht. Reichtum wird verteilt, "egoistisches" Verhalten wird sanktioniert. Diese Bewegung hat gegenüber dem Konservatismus den Vorteil, dass es keine Ausgrenzungen mehr gibt, die nur auf kleingeistiges Misstrauen vor Fremdem zurückzuführen sind. Es hat aber den Nachteil, dass diese Gesellschaftsordnung nicht unserem natürlichen Verhalten entspricht. Und noch viel schlimmer: Es schränkt diejenigen ein, die "anders" sein wollen. Jemand, der mehr Erfolg haben will in seinem Leben als der Rest - auf welcher Ebene auch immer - und der durch seinen Erfolg auch dazu beitragen könnte, dass es anderen besser geht - beispielsweise ein Unternehmer, der andere Menschen beschäftigt - hat in diesem Modell keine großen Chancen.

Ich bin NICHT Unterstützer linker Ideen.

III
1) Ich halte die linke Grundidee für schädlich.
2) Ich verabscheue Identitätsgewinn durch das Festhalten an Feindbildern.
3) Ich verachte das Konservative in der linken Bewegung.

1) Das schlimme am Ziel "Gleichheit" ist... die Gleichheit. So sehr ich auch die Idee verabscheue, dass - wie in einer konservativen Welt der Fall - verschiedene Menschen mit verschiedener Genetik und verschiedener Umwelteinflüsse von vornherein auch verschiedene Chancen haben, glücklich zu werden, so sehr beängstigt mich auch das Ziel einer gleichen Verteilung von Glück an alle. Denn wie soll das geschehen? Wer definiert Glück? Und was ist mit dem, der eine andere Definition hat? Natürlich wird in der realen Welt nicht Glück das Gut sein, das möglichst gleich zu verteilen ist, sondern im wesentlichen Geld. Aber selbst "gleicher Reichtum für alle" ist ein furchtbares Ziel. Denn er bedeutet in letzter Konsequenz eine vollkommene Überwachung der Bürger durch den Staat, Verlust von Motivation der Menschen - letzten Endes ist jeder Mensch eher bereit etwas zu arbeiten, wenn ER daraus einen Vorteil ziehen kann und nicht die Gesellschaft -, Verlust von Verantwortungsgefühl auf Individuen-Ebene und damit verbunden vollkommene De-manzipierung des Einzelnen vom Staat.

Ich halte die linke Grundidee für schädlich.

2) Interessant zu beobachten ist, dass - zumindest in Deutschland - die linke Idee an sich eigentlich wenig Beachtung findet. Dies ist insofern interessant als dass es trotzdem eine große, engagierte linke Bewegung gibt. Fast scheint der Fokus der Menschen komplett auf die Konservativen gerichtet zu sein. Es finden wenige Diskussionen über linke Ideen statt, aber feurige Debatten bei jedem konservativen Vorschlag. Bei vorstehenden Wahlen wird nicht auf die Leistungen der linken Vorgängerregierung geschaut sondern auf die potentiellen Taten einer potentiellen konservativen Regierung. Eigentlich gibt es in Deutschland kein links-rechts-Schema, es gibt stattdessen die Aufteilung konservativ gegen anti-konservativ.
Die politisch "Linke" braucht Feindbilder, dies ist ganz klar. Ob man sie nun in der Innenpolitik findet oder im Ausland - möglichst konservative, starke Figuren sind geeignet für den Zusammenhalt. Ein gemeinsamer Feind schweißt zusammen, da braucht man keine lästigen Programmdiskussionen zu führen. In diesem Licht ist auch die Amerika-kritische Haltung der Deutschen in den letzten Jahren zu sehen, die sich bei vielen Menschen bis ins Lächerliche überspitzt hat. Inzwischen gehört es zur deutschen Allgemeinbildung über die angeblich wenig vorhandene Allgemeinbildung der Amerikaner Bescheid zu wissen. Und als in Bagdad tatsächlich ein paar Iraker ihre Freude über den Sturz des menschenfeindlichen Hussein-Regimes zu Ausdruck gaben, waren einige hier ziemlich verwirrt - nicht aber verwirrt genug, um dies "ganz furchtbar" zu finden.
Ganz Deutschland ist inzwischen ein einziger kritischer Amerika-Experte. Verdächtig, oder? Ich finde schon.

Ich verabscheue Identitätsgewinn durch das Festhalten an Feindbildern.

3) Noch viel interessanter als der ständige Kampf gegen die klassischen Feindbildern ist aber noch der Kampf der Linken gegen alles, was die Feindbildkonstruktion an sich ins Wackeln bringt. Viel schlimmer als erzkonservative Politiker scheinen mittige, aber der "Gegenseite" zugehörige Politiker zu sein. Obwohl sie der linken Idee näher sind als die konservativen Feindbilder, werden gerade solche Leute als Bedrohung wahrgenommen. Und dieser Bedrohung wird oft durch nicht-politische Einschätzungen, die sich auf Charakter oder Art des jeweiligen Politikers beziehen, Ausdruck verliehen
All dies entblößt die Linke als eine eigentlich hoch-konservative Gruppe. Wer nicht links - definiert als anti-konservativ - ist, wird ausgegrenzt. Identität als Linker wird gewonnen. Als Ersatz für die klassische deutsche Identität.

Ich verachte das Konservative in der linken Bewegung.

IV
Exkurs:
Anmerkungen zur Antikriegsbewegung

Ein Menschenleben gegen ein anderes. Ein Menschenleben gegen tausend andere. Ein Menschenleben gegen den mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit gelingenden Versuch, tausend Menschenleben zu retten. Ein Menschenleben gegen den mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit gelingenden Versuch, tausend Menschenleben glücklicher zu machen. Ein Leben eines Menschen "meiner" Gruppe gegen das einer anderen. Ein Menschenleben gegen alle Menschenleben.
Hier ist eine ganze Reihe von Entscheidungen dargestellt, denen sich eine Gruppe von Menschen - ob man diese Gruppe nun Staat nennt oder Familie oder wie auch immer - unter bestimmten Umständen einmal stellen muss. Und dabei muss fein und weise gewichtet und abgewogen werden. Für beide Seiten muss durch Betrachten aus verschiedenster Blickwinkel ein zuzuordnender Wert gefunden werden, den man vergleichen kann, um so schließlich zu einer Entscheidung zu kommen. Ein Menschenleben aus meinem Staat hat für mich den Wert x, tausend Menschenleben in einem anderen Staat haben den Wert y - das Muster eines Bewertungsprozess wie er grausamer nicht sein könnte, wie er in manchen Situationen aber unvermeidlich ist.

Es ist keine Hilfe bei solch einer Entscheidung, bestimmten Dingen einen Wert von unendlich zu geben. Haltungen, bei denen es nur darum geht, dass man sich die eigenen Hände nicht schmutzig macht, Haltungen, bei denen es hauptsächlich darum geht, sich das Gewissen rein zu waschen, sind verantwortungslos, eitel, einfach und in der Konsequenz ein Verbrechen gegen Menschen.
Deutschland hat in den letzten Jahren vieler solcher Haltungen hervorgebracht und verfochten. All das getrieben von dem Wunsch der Mitglieder, auch einmal zu "den Guten" zu gehören. All das getrieben von der Suche nach Halt und einfachen Antworten in einer komplizierten Welt. All das getrieben von Menschen, die stolz sind auf ihre K.O.-Kriterien, die sie verkaufen mit Worten wie "Gewissen" oder "Grundsätze", die in Wahrheit aber nur Ausdruck ihrer Unfähigkeit oder ihres Nicht-Willens zum Gewichten und Abwiegen, kurz zum Entscheiden, sind.

Ich bin NICHT Deutschland.

Ausrufezeichen!

V
1) Ich bin NICHT Unterstützer von Einteilungen in "gut" und "böse".
2) Ich bin NICHT Unterstützer von Weltbildern, die auf der Einteilung der Welt in zwei Pole beruhen.

1) Dem konservativen und dem linken Konzept ist gemein, dass es irgendwo ein "gut" und ein "böse" gibt. Im Konservatismus verkörpert das "Fremde" das Böse - also Menschen, die sich unakzeptabel anders verhalten, aber auch Menschen, die einfach anders sind -, während bei der linken Strömung alles Konservative das Böse darstellt. Dies zeigt schon deutlich, dass die Begriffe "gut" und "böse" vollkommen unbrauchbar sind. Wer definiert sie? Und wie sind Taten zu beurteilen? Was ist mit "bösen" Taten, die mit den besten Vorsätzen ausgeführt sind? Was ist mit "guten" Taten, die eher aus Versehen entstanden sind?

Ich bin NICHT Unterstützer von Einteilungen in "gut" und "böse".

2) Gehen wir noch einen Schritt weiter. Unsere Welt ist nun einmal sehr kompliziert. Taten stoßen hunderte andere Taten an. Taten selbst werden von hunderten anderen Taten beeinflusst. Die Menschen sind wie Milliarden von Molekülen, die sich in einem Raum befinden und sich gegenseitig anstoßen, verbinden, abstoßen, Einfluss nehmen. Was eine Tat über das geplante Ziel hinaus noch für Folgen hat, ist für uns nicht im geringsten mehr vorauszuberechnen.
Ein Beispiel: Ich entscheide, meinem Freund ein Geschenk zu kaufen. Auf dem Weg zu einem Laden, fragt mich ein Fußgänger nach dem Weg zum Hauptbahnhof. Ich erkläre ihm, dass er am besten die Straßenbahn nehmen soll und zeige ihm die Straßenbahn, die gerade bei der gegenüber liegenden Haltestelle eintrifft. Er beeilt sich und erreicht die Straßenbahn gerade noch rechtzeitig. Am Hauptbahnhof angelangt stößt er versehentlich zusammen mit einer Frau, die es eilig hat, zur Arbeit zu gelangen. Die Frau rennt weiter, passt beim Überqueren einer Straße nicht auf und wird von einem Auto überfahren.
Dies ist typisches Beispiel wie Chaos funktioniert. Wollte ich kein Geschenk kaufen, hätte der Mann nicht die Straßenbahn genommen, wäre mit der Frau nicht zusammen gestoßen und sie hätte ein paar Sekunden vorher die Straße überquert. Ist das jetzt "gut" oder "böse"? Bin ich deshalb "gut" oder "böse"?
In der meteorologischen Chaostheorie gibt es das Beispiel, dass ein Flügelschlag eines Schmetterlings in Tokio ein Sturmtief in New York beeinflussen kann. Die Frage ist nur, wie lange der Schmetterling braucht um mit all seinen Folgen und Folgesfolgen das Wetter in New York merklich zu beeinflussen. 10 Tage? ein halbes Jahr? 50 Jahre? Ähnlich verhält es sich mit menschlichem Verhalten. Wir haben Einfluss auf alles, was weit in der Zukunft liegt. Wir haben Einfluss darauf mit jeder Handlung, die wir vornehmen. In solch einer Welt gibt es nicht die geringste Spur von "gut" oder "böse". Selbst wenn es "gute" und "böse" Ereignisse gäbe, gäbe es aufgrund der unberechenbaren Folgen keine "guten" oder "bösen" Taten. Jede Ethik, die auf ein solches Konzept aufgebaut ist, kann man im Prinzip komplett vergessen.
Es gibt stattdessen eine Menge Schönheit dort wo Ordnung auf Chaos trifft, dort wo Strukturen, die wir verstehen, auf solche treffen, die wir nicht richtig begreifen können.

Ich bin NICHT Unterstützer von Weltbildern, die auf der Einteilung der Welt in zwei Pole beruhen.

VI
1) Das ist Kernaufgabe des Staates: Schutz des freien Austauschs.
2) Das ist nicht Kernaufgabe des Staates: Anbieten von Versicherungen und Zwang des Bürgers diese Versicherungen abzuschließen.
3) Das ist nicht Aufgabe des Staates: Schutz des Bürgers vor sich selbst.

1) Ich kaufe mir beim Bäcker Brötchen. Tausch: 1 Euro gegen 4 Brötchen. Ich empfinde den Tausch, von 4 Brötchen gegen die standardisierte Wertmessungseinheit der Menschen - "Geld" -, in diesem Fall von einem Euro, als fair.
Ich spiele Lotto. Tausch: 3 Euro gegen die - zwar sehr geringe, aber trotzdem existierende - Chance, sehr reich zu werden. Ich persönlich messe dieser Chance so viel Wert bei, dass ich das Geschäft als fair empfinde.
Ich gehe arbeiten. Tausch: Arbeit gegen Lohn. Ich gebe große Teile meiner Freizeit auf und stelle sie einer Firma zur Verfügung und erhalte dafür im Gegenzug Geld. Nach Abwägung aller Vor- und Nachteile: der Deal ist fair.
Ich stelle einem Freund eine Mix-CD zusammen. Tausch: viel Mühe gegen die Hoffnung, dass er mich dadurch mehr mag. Auch hier wiege ich ab und rechne - zumindest unterbewusst - mit meiner persönlichen Bewertung gewichtete Erwartungswerte aus. Am Ende komme ich zu dem Schluss: Ja, ich stelle ihm die CD zusammen.

Ich akzeptiere die Regeln des Staates, die die Freiheit zu tauschen schützen. Alle oben geschilderten Vorfälle geschehen auf Freiwilligkeit aller Beteiligten.

Ich stehle einen Film aus einem Laden. Tausch: die Angst vorm Erwichtwerden gegen die DVD. Ich komme nämlich zu dem Schluss, dass mein Geld so knapp ist, dass es für mich einen besonders hohen Wert hat. Der Tausch "Geld gegen DVD" erscheint mir nicht sinnvoll. 15 Euro sind mir mehr wert als die DVD. Andrerseits ist mir der Film mehr wert als die Angst davor, ertappt zu werden. Also stehle ich die DVD.
Ich bringe jemanden aus Eifersucht um. Tausch: ein schlechtes Gewissen gegen die Sicherheit, keinen Konkurrenten mehr zu haben.

Ich akzeptiere die Regeln des Staates, die die Freiheit zu tauschen dort einschränkt, wo die Freiheit anderer zu tauschen eingeschränkt wird. Die oben geschilderten Vorfälle geschehen eben nicht auf Freiwilligkeit aller Beteiligten. Der von mir Bestohlene hat jetzt nicht mehr die Freiheit, seinen Film gegen 15 Euro zu tauschen. Der von mir Getötete hat keine Freiheit mehr, am Tausch von Waren, Dienstleistungen, Kommunikation, Gefühlen teilzunehmen. Diese Freiheit zu sichern ist Kernaufgabe des Staates.

2) Ich bilde eine Gruppe von Menschen, in denen jeder von uns Geld in eine Gemeinschaftskasse zahlt. Passiert es einem der Gruppe, dass sein Tauschangebot "Arbeit gegen Lohn" keine Gegenseite mehr findet, bekommt er aus dieser Kasse einen gewissen Geldbetrag. Tausch: Risiko gegen Sicherheit. Ich empfinde dieses Geschäft als fair, weil man nie wissen kann, was kommt. Ich habe Angst davor, dass ich arbeitsunfähig sein werde oder dass meine Qualifikationen auf dem Markt nicht gefragt sind. Mit diesem Geschäft kann ich das Risiko, was "im schlimmsten Fall" passieren kann, abfedern. Ich bin bereit dafür einen gewissen Geldbetrag zu zahlen.

Ich akzeptiere gewisse Versicherungen des Staates als sinnvoll. Ich akzeptiere nicht die staatliche Festlegung, wie viel Risiko ich gegen wie viel Sicherheit tauschen muss. Ich akzeptiere auch nicht das Monopol, das der Staat bei einigen dieser Versicherungen besitzt.

Ich gehe arbeiten. Tausch: Arbeit und Ausgleichzahlungen gegen Lohn. Bei jeder Vertragsverhandlung, die ich mit einem potentieller Arbeitgeber führe, sitzt ein unsichtbarer Dritter am Tisch: der Staat. Er will einen Teil meines Lohns einfach einbehalten.
Ich kaufe mir einen Fernseher. Tausch: Geld und GEZ-Gebühren gegen tägliche Unterhaltung auf Knopfdruck. Wieder gibt es einen "unsichtbaren Dritten", der in mein persönliches Geschäft zwischen mir und dem Fernsehhändler eingreift und mir mit Abschluss des Vertrages einen Zusatzvertrag aufzwingt "Tausch: öffentlich-rechtliches Fernsehen gegen Gebühr".

Ich akzeptiere nicht staatliche Zwangstauschgeschäfte, die es im deutschen Sozial- und Umverteilungsstaat in großer Masse gibt. Ich halte manche, längst nicht alle, dieser Geschäfte für im Ansatz sinnvoll. Ich akzeptiere nicht die staatliche Festlegung bei solchen Regelungen. Ich akzeptiere auch nicht, dass ich für mich sinnvolle Zusatzgeschäfte mit dem Staat und nicht einer Gemeinschaft meiner Wahl machen muss.

3) Ich nehme Drogen. Tausch: vorübergehende Unfähigkeit, rational zu handeln gegen ein tolles High-Gefühl und eine Welt voller Farben. Ich kenne genau die Risiken, die bei diesem Tausch zu beachten sind. Ich weiß genau, was ich tue.

Ich akzeptiere nicht Regeln des Staates, die mich vor mir selbst schützen wollen und mir dabei die Freiheit zu tauschen rauben.

VII
1) Ich werde sinnvolle Regelungen des Staates und der Gesellschaft befolgen. Ich werde auch Regeln befolgen, die ich nicht für sinnvoll halte, deren Nichteinhaltung für mich aber unverhältnismäßig hohe Kosten bedeuten. Ich werde beispielsweise meine Steuern zahlen, weil ich genau weiß, dass ich mit dem Nichtzahlen von Steuern - wie gut begründet auch immer - gerichtlich nicht durchkommen werde. Ich arrangiere mich mit dem Staat. Das bedeutet nicht, dass ich ihn in seiner Gesamtheit akzeptiere.

2) Meine Energie, für mich eigenständig nach Versicherungen wie Arbeitslosen- oder Gesundheitsversicherungen zu suchen, aber auch meine Energie auf freiwilliger Basis für Bedürftige zu spenden, wird durch das aggressive Eingreifen des Staates deutlich eingeschränkt. Meine Bereitschft zu geben wird durch die Masse an Menschen, die einen starken Staat befürworten, die jede Umverteilung von oben nach unten als selbstverständlich sehen, zunichte gemacht.

3) Ich werde versuchen, dort wo es geht, "gegen" Deutschland zu setzen. Ich halte eine Gesellschaft, in der so hohe Erwartungen an das abstrakte Wesen "Staat" bestehen und so wenig Eigenverantwortung herrscht, für nicht zukunftsfähig.

VIII
Exkurs:
Zwei volkswirtschaftliche Fakten, die eigentlich nicht besonders schwierig zu verstehen sind, die sich aber leider sehr viele Menschen noch nicht klar gemacht haben:

1) In einer gesunden Volkswirtschaft muss es Unterschiede zwischen den Menschen geben. Gleichheit kann nicht das Ziel sein.
2) Mit dem derzeitigen deutschen Steuersystem findet eine Umverteilung von oben nach unten statt.

1) In der politischen Debatte werden einige Begriffe gebraucht - es wird geradezu mit diesen Begriffen um sich geschmissen -, die alles andere als gut definiert sind, denen aber trotzdem inzwischen jeder einen Wert beimessen kann. "Sozial gerecht" ist "gut". "Neoliberal" ist "böse". selbst der letzte Idiot weiß das inzwischen, doch kaum einer weiß, was genau hinter den Begriffen steckt. Sie sind letztendlich nur geschickt eingesetzte Propaganda-Werkzeuge, mit denen der Gegner diffamiert wird. Das alles ohne große Diskussion. "Das ist neo-liberal", mehr braucht man nicht zu sagen.
Auch der Begriff "Gleichheit" ist einer, der in der politischen Diskussion zwar schlecht definiert ist, aber trotzdem immer wieder verwendet wird. Was bedeutet "Gleichheit"? Ist es das Ziel, jeden Individualismus aus den Menschen zu vertreiben und nur noch einen kompletten Staat aus Millionen gleicher Menschen zu haben? Ist es das, was immer "Chancengleichheit" genannt wird? Nun, meistens bezieht sich der Begriff auf eine Gleichheit bei Lohn und Gehalt sowie - eng zusammenhängend - eine Gleichheit beim Reichtum.
Betrachten wir jemanden, der sich die Frage stellt, ob er als Selbstständiger oder Angestellter tätig werde sollte. Bei seinen Überlegungen wird er sicher mit Erwartungswerten spielen: auf der einen Seite der sichere Lohn (Unsicherheiten wie die Pleite des Unternehmens, bei dem er eingestellt würde, lassen wir außen vor), auf der anderen Seite ein ganzes Spektrum von Möglichkeiten. Wenn alles gut geht, erhofft sich der potentielle Unternehmer ein Einkommen, das x-fach so hoch ist wie beim sicheren Lohn. Aber der Unternehmer ist vorsichtig und betrachtet auch den schlimmsten Fall - die Pleite, weil seine Geschäftsidee nicht funktioniert. Nun muss er versuchen, jedem möglichen Fall eine Wahrscheinlichkeit beizumessen. Anschließend muss er sich einen Erwartungswert berechnen. Lohnt es sich, selbstständig zu werden? Liegt der Erwartungswert seiner Geschäftsidee niedriger als der sichere Lohn wird er sich für den sicheren Lohn entscheiden. Liegt er höher wird er in einem zweiten Schritt abwägen müssen wie wichtig ihm Sicherheit ist. Schließlich wird er zu einer Entscheidung kommen. Aus diesem einfachen Beispiel folgt schon, dass es gehaltsmäßige Unterschiede geben muss. Risiko muss sich lohnen. Wenn man nach oben die Verdienstmöglichkeiten abschneidet, gibt es keine Anreize mehr für Risiko. Ein Staat von Angestellten wäre der Fall, ein Staat wo Ehrgeiz, Innovation, Kreativität verloren geht.

2) "Breite Schultern müssen eben mehr tragen." Sprüche dieser Art hört man ununterbrochen bei Diskussionen über das deutsche Steuerrecht - vorgetragen von denjenigen, die den ansteigenden Steuersatz verteidigen. Und die meisten Zuhörer finden dies irgendwie gerecht: Für jemand armes wird ein geringer Steuersatz angerechnet, bei jemand, der mehr verdient, wird ein höherer Steuersatz zugrunde gelegt. Aber ist dies wirklich gerecht?
Man könnte sich dem Problem einer gerechten Besteuerung so annähern, indem man sinnvolle Ober- und Untergrenzen der Steigung des Steuersatzes bei höherem Einkommen bestimmt. Eine Untergrenze lässt sich dabei ganz leicht bestimmen: Es gibt Aufgaben des Staates, die jedem Bürger gleich viel nutzen - egal ob arm oder reich. Man könnte deshalb verlangen, dass jeder Einwohner für diese Aufgaben einen gleichen Betrag bezahlen muss - ebenfalls egal ob arm oder reich. Logischerweise würde jemand reiches bei einer solchen Besteuerung zwar absolut gleich viel zahlen wie jemand armes, aber im Verhältnis zum Einkommen müsste er einen prozentual geringeren Betrag ableisten. Die Konsequenz wäre: Der Steuersatz stiege mit geringerem - und nicht mit höherem - Lohn.
Eine Obergrenze für eine vernünftige Besteuerung sieht man ebenfalls ganz leicht. Betrachten wir einen Laden, der Mengenrabatt auf seine Produkte gewährt. Nehmen wir an, dieser Mengenrabatt funktioniere "umgekehrt": 1 Buch: 10 Euro; 2 Bücher: 22 Euro; 10 Bücher: 150 Euro. Jeder halbwegs intelligente Mensch würde bei einem solchen Angebot ins Grübeln kommen: "2 Bücher kosten mehr als doppelt so viel wie eines? Dann geht man doch besser zweimal in den Laden und kauft jeweils ein Buch - schließlich spart man dabei 2 Euro." Das Angebot des Buchladens wäre also absolut unvernünftig. Übertragen auf ein sinnvolles Steuerrecht bedeutet dies: Jemand der doppelt so viel verdient wie ein anderer muss höchstens doppelt so viel zahlen. Die Obergrenze eine vernünftigen Steuerprogression ist also eine "Flat tax". Gut verdienende Menschen zahlen dabei zwar absolut mehr als weniger verdienende, aber jeder zahlt einen gleichen Steuersatz.
Die deutsche Besteuerung liegt nicht in den Grenzen einer mathematisch-wirtschaftlich sinnvollen Regelung. Sie entspricht damit einer staatlich geförderten Umverteilung von oben nach unten.

IX
1) In Deutschland sorgen andere Gruppen für einen Identitätsgewinn als der Staat
2) Deutschland besitzt keine brauchbaren Eliten
3) In Deutschland herrscht ein sehr eingeschränkter Kulturbegriff

1) Klar ist, dass ein Stolzsein auf Deutschland sehr schwierig ist. Und ein solches Stolzsein wird meinerseits auch nicht gebraucht. So wie der Mensch aber nun mal aufgebaut ist, braucht er scheinbar eine ganze Menge von Faktoren, auf die er sich stolz nennen kann. Die oberste, die ganze deutsche Gemeinschaft umfassende Ebene - Deutschland - fällt für die meisten also als ein Faktor zum Stolzsein weg. Auf was kann man sonst noch stolz sein? Nun, im anderen Extrem kann man Identität durch sich selbst gewinnen. Man kann stolz auf eigene Leistungen sein. Das Problem ist: da in Deutschland so viel Wert auf Gleichheit gelegt wird, ist ein Stolzsein auf eigene Leistungen ebenfalls recht schwierig. Man empfängt zumindest für eigene Leistungen in Deutschland relativ wenig Applaus. Neben "Deutschland" fällt also auch das eigene Ich als Quelle von Identität weg. Wohin also bei der Suche nach dem Stolzsein auf etwas? Die Antwort ist ganz einfach: Zwischen "Deutschland" und "ich" gibt es noch eine ganze Reihe anderer Gruppen, durch die man Identität gewinnen kann. Familien, Parteien, Religionen. Gruppen, die sich über einen gleichen Modegeschmacks definieren oder über einen gleichen Musikgeschmack. Es gibt tausende solcher Gruppen. Und diese Gruppen sind in Deutschland teilweise so überladen mit Identität, dass das nicht mehr nützlich sein kann. Man denke nur an die Parteien, wo Gegner teilweise schon als persönliche Feinde oder als das "Böse schlechthin" angesehen werden.

2) Ein großes Problem Deutschlands ist auch das Fehlen von brauchbaren Eliten und Vorbildern für die breite Masse. Katastrophal sieht es beispielsweise bei der "Intellektuellen"-Elite aus. Da verbreiten Menschen in Talkrunden im Freitagabendprogramm der Dritten fast mit Stolz, dass sie von Mathematik oder Wissenschaft nichts verstehen. Das sind genau die Menschen, die dennoch überall ihre Weltverbesserungsthesen verbreiten. Thesen, an denen man den Mangel an wissenschaftlichem Denken deutlich sieht. An andere Stelle erhalten Feuilletonisten in Zeitungen Platz, ihre teilweise abstrusen, fern von jeder Logik entstandenen Theorien zu verbreiten, die den "intellektuellen" Lesern alleine deshalb so gefallen, weil sie politisch und gesellschaftlich genauso beschränkt sind wie sie selbst. Künstler oder Intellektueller zu sein in Deutschland bedeutet hochgestochen zu reden, sich mit bestimmten Menschen abzugeben, andere Künstlern und Intellektuellen zuzujubeln und die Welt der normalen Menschen amüsiert wahrzunehmen. Künstler oder Intellektueller zu sein in Deutschland ist eine reine, oberflächliche Mode-Sache, die nichts mit Intelligenz, wohl aber eine Menge mit Identität zu tun hat.
Aber wo sind denn die hochintelligenten, freidenkenden, mit weit geöffneten Augen durch die Welt ziehenden Vorbilder? Gibt es irgendwo gefeierte Wissenschaftler? Gefeierte Unternehmer, die durch ihre Geschäftsidee hunderten von Menschen einen Job verschaffen? Es gibt sie. Aber sie werden von der breiten Masse einfach nicht wahrgenommen. Oder sie verstecken sich, weil sie sehr wohl merken, dass sie nicht als Vorbild anerkannt werden, sondern im Gegenteil eher noch angefeindet werden.
Der Grund weshalb die deutsche Gesellschaft eine Pseudoelite vorzieht gegenüber Menschen, die in ihrem Leben bewiesen haben, dass sie Teile der Welt sehr gut verstehen und sie dadurch einen gewissen Erfolg erlangt haben ist einfach zu finden. In unserem ewig nach Gleichheit strebenden Deutschland wollen wir eben niemanden, der aus der Reihe tanzt. Wir wollen niemanden bewundern, der mehr kann als wir selbst. Und im Gegensatz zu den Menschen manch anderer Länder, empfindet hier auch niemand Stolz in einer Gesellschaft zu leben, wo Erfolg zu haben möglich ist. Stattdessen schauen wir lieber zu den Menschen hoch, die uns Identität geben können - und das im Komplettprogramm. Da ein bisschen Amerikakritik, dort ein bisschen Reden von Toleranz. Da ein bisschen Schockiertsein über Menschen, die jenseits des Gutmenschen-Horizonts leben, dort ein paar kritische Worte über die Kirche. Das ist alles erschreckend unüberraschend. Und ein schönes bequemes Nest für jeden, der noch etwas mehr an Identität gebrauchen kann. Kommt aller her, jeder kann mitmachen bei den "Intellektuellen"!

3) Was eben so deutlich auffällt ist ein sehr seltsamer Kulturbegriff in Deutschland. Was ist Kultur? Dichtung, Musik, Kunst, Schauspiel? Davon hat Deutschland sicher einiges zu bieten. Geschichtsbewusstsein? Auch hier hat Deutschland einiges geleistet. Wohl kaum ein anderes Land hat sich so intensiv mit seiner Vergangenheit befassen müssen wie Deutschland. Gibt es sonst noch etwas, das zum Begriff "Kultur" fällt? Was ist mit weichen Faktoren wie Kleidung, Tischdekoration, Städtebau? Oder dem Finden von Schönheit im Alltäglichen? Oder dem Versuch das Alltägliche so "schön" wie möglich zu gestalten?
Wenn man hier Deutschland mit dem Ausland vergleicht, findet man einen Unterschied. In Deutschland bedeutet Kultur etwas "Intellektuelles", in anderen Ländern wird - zumindest teilweise - auf die kleinen, netten Dinge viel mehr Wert gelegt. Dort gibt es auch ärmere Menschen, die trotzdem einmal pro Jahr stolz ihr kleines Häuschen streichen. Oder es gibt Fischer, die jeden Tag stolz ihre karierten Hemden zur Arbeit anziehen. Oder man ist bemüht dem Gegenüber möglichst freundlich zu erscheinen. Man flirtet mit anderen Menschen, teilt Komplimente aus. Diese Art von Kultur fehlt in Deutschland. Sie wäre geeignet, ein bisschen Stolz und Identität auf die Familie oder das Dorf oder das Individuum zu verteilen. Sie wäre geeignet, vollkommen mit Identität aufgeblähten Gruppen die Wichtigkeit zu nehmen.

X
Freiheit

1) Aufgabe des Staates muss es sein, wirtschaftliche Freiheit zu sichern. Der Staat darf sich nicht an jeder Stelle mit Zwangstauschgeschäften einmischen.

2) Aufgabe des Staates muss es sein, gesellschaftliche Freiheit zu schützen. Jeder muss genau so sein dürfen wie er will - so lange er selbst die Freiheit anderer beachtet

3) Aufgabe des Staates muss es darüber hinaus sein, die Freiheit in seinem Lande zu verteidigen. Freiheit bedeutet nicht Beliebigkeit. Untergruppen innerhalb des Staates - beispielsweise Religionsgemeinschaften - dürfen nicht in Unfreiheit leben. Der Staat muss das Aufkommen von unfreiheitlichem Gedankengut überwachen und gegebenenfalls einschreiten

XI
Eine Gesellschaft, in der es eine so große konservative, eine so starke anti-konservative Strömung gibt und in der liberale Ideen allenfalls eine untergeordnete Rolle spielen, kann sich langfristig gesehen wirtschaftlich, aber auch in Bereichen wie Kreativität und Kultur nicht weiterentwickeln. Mit den "Eliten", die es hier gibt, und schlimmer noch mit der Abneigung gegen alles das, was besser - in welchem Sinne auch immer - sein könnte, wird es nur bergab gehen. Deutschland wird sich weiterhin seine Feindbilder im Ausland suchen, Deutschland wird weiterhin dadurch Identität gewinnen, dass es sich als sympathische, angeblich nicht kriegsführende Nation präsentiert, Deutschland wird sich gerne mit allen kulturellen Einzelheiten seiner Feindbilder befassen - damit wird Deutschland genug zu tun haben, um seine eigenen Probleme nicht wahrnehmen zu müssen. Selbstkritik? Ja! Aber nur wenn sich die Kritik auf vergangene Ereignisse bezieht! Selbstkritik bei aktuellen, die künstlerische, individuelle Freiheit, die Eigenverantwortung einschränkenden Entwicklungen? Nein! Da schauen wir lieber alle zum hunderttausendsten Mal nach Amerika und kritisieren dort irgendwas!
Deutschland wird alles Schöne nur mit ironischem Blick betrachten und lieber im "Trash" untergehen, Deutschland wird sich weiterhin aufgeilen an Ironie und Zynismus und "ach, wir sind alle so intellektuell!" Deutschland wird weiter nach seinem Identitätsbegriff suchen. Das alles noch immer als Folge des Zweiten Weltkrieges. Und warum? Weil die Menschen immer noch nach einem Übervater suchen. Weil sie angewiesen sind auf "gut" und "böse". weil sie gefangen sein wollen in starren Regeln. Weil sie diese Regeln Identität nennen. Weil sie die Schönheit von Freiheit nicht kapieren. Weil sie die Schönheit vom Chaos nicht verstehen. Weil sie scheinbar viel zu wenig besitzen, auf das sie sonst stolz sein können.
Ich weiß, dass ein liberaler Staat wie ich mir ihn vorstelle, nicht realistisch ist, bzw. nur realistisch ist als Gegenmodell zu einem streng-linken Staat, der wiederum als Gegenmodell einer hoch-konservativen Denkrichtung zu verstehen ist. Ich werde den Staat, in dem ich lebe, hinnehmen - manchmal wütend, manchmal resigniert -, aber ich werde ihn nicht akzeptieren.

Ich habe keine Lust mehr, meine eigene Ethik, meine eigene Freiheit anzupassen an die breite, dumme Masse. Ach... fickt Euch doch alle!

17 .cairo/tangier/dakar