01_. Der See (Duville remixed)
02_. Meine goldenen Schwestern
03_. Kein Ausgang
04_. Perlen (Mineralöl-Trilogie Teil 1)
05_. Holunderweg
06_. m a n i f e s t 2007 - 05 - 22
07_. Zickzack

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14 .anemone


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seventy-8

Es ist ungefähr das dreißigste mal, dass ich mit einem gayromeo-User ein Date haben werde. Es ist genau das erste mal, dass ich einen Zettel mit dem Profilnamen des Dates auf dem Tisch meiner Wohnung hinterlege. Nur zur Sicherheit. Scheiße, bin ich wirklich soo verzweifelt?
Sonntag. Einer der heißesten Tage des Jahres. Und ich muss die Straßenbahn nach Neuss nehmen - für mein Treffen mit seventy-8. Beschissenes, dreckiges, abgefucktes Neuss. Ich bin fast geschmolzen als ich ankomme. seventy-8 will mich um drei mit seinem Auto vom Bahnhof abholen. Ich habe keinen Bock, zu einem Fremden in den Wagen zu steigen - vor allem nicht zu jemandem, der im Chat schon über Folterkeller Späße macht, also steige ich um halb drei in der Altstadt aus, rufe ihn an und sage ihm, dass wir uns nicht am Bahnhof sondern in der Fußgängerpassage treffen werden. Wir einigen uns darauf, dass er mich mit dem Auto vom Rande der Fußgängerpassage abholen wird. Super! Toller Kompromiss! Naja, jedenfalls ist seventy-8 ein paar Minuten später da. Er kommt mit einem silbernen Golf, ich merke mir sein Kennzeichen - wozu auch immer das gut sein soll -, er öffnet mir die Tür. Das erste mal, dass ich ihn in echt sehen werde. Der große Moment! Trommelwirbel! Und ich bin wirklich ein kleines bisschen aufgeregt. Aber dann ernüchtert: seventy-8 ist überhaupt nicht so wie ich ihn mir vorgestellt hatte. Vom Typ her "Oliver Pocher", ungefähr genauso klein - jedenfalls genauso klein wie ich mir Oliver Pocher immer vorstelle -, durchschnittlich aussehend, durchschnittlich alles. Eigentlich überhaupt nicht meine Zielgruppe (meine Zielgruppe ist hochintelligent-hübsch-total krank. Ha!). seventy-8 stellt sich vor als "Marc" (Gott, ich habe Dates mit Typen, deren Namen ich nicht einmal kenne!), für mich bleibt er trotzdem "seventy-8". Ok, ich bin also etwas enttäuscht von meinem Date. Einen tollen, interessanten Typen hatte ich von seinem Profil her zu urteilen sowieso nicht erwartet. Aber naja... insgeheim hatte ich auf jemand... gefährliches gehofft. Und ein bisschen gefährlich hatte er im Chat schon gewirkt. Doch für den Typen, der da im Wagen sitzt, hätte ich nicht diesen blöden Zettel auf meinen Tisch legen müssen. Aber egal. Ich steige zu ihm ein. seventy-8 ist - wie ich schnell feststelle - eigentlich ganz nett. Unkompliziert, langweilig. Und er hat einen tollen Plan. Wir sollen zu einem See fahren. Nicht zum Baden, einfach nur zum in-Wassernähe-Rumliegen. Ich bin begeistert vom Gedanken, mich bei kompletter Windstille von der Nachmittagssonne durchgrillen zu lassen, aber ich beschwere mich nicht. seventy-8 tritt aufs Gas, raucht während der Fahrt seine very-first Zigarette heute und bringt uns nach einer viertel Stunde Fahrt zum versprochenen See. Das Ufer des Sees befindet sich hinter einem Wald, den man über enge Pfade durch Brennnesselfelder erreicht. Perfekt für Outdoor! Es ist heiß, ich denke wie immer im Sommer ungefähr 24 Stunden am Tag lang an Sex. Furchtbar! Wir erreichen das Ufer (und den Müll, der dort rumliegt). Mein Date hat eine Decke mitgebracht (wie fürsorglich!) - auf der Unterseite aus Plastik, auf der Seite zum Draufliegen aus wollähnlichem... Plastik. Praktisch so was! Wir legen uns ins Plastik und reden. seventy-8 hat eines von diesen Lycra-Shirts an, durch die man seine komplette Figur erkennen kann. Und er hat keine schlechte Figur. Das muss ich zugeben. Viel besser als meine. Und er ist solariumsonnengebräunt in Perfektion. Natürlich zieht er bald sein Shirt aus. Ich mache das nicht. Meine Brust habe ich das letzte mal vor 5 Tagen rasiert. Jetzt bin ich weder "behaart" noch "rasiert". Also ja, behalte ich mein Shirt an. Aber ich schaue ab und zu verstohlen auf den Körper, der da neben mir liegt. Irgendwie, auf eine seltsame komische Art, fand ich Oliver Pocher schon immer ein kleines bisschen sexy. Vielleicht bin ich pervers. Egal. Ich muss an was anderes denken! Ich muss an was anderes denken! Sage ich immer wieder zu mir selbst. seventy-8 ist NICHT Oliver Pocher! Aber es ist wirklich extrem heiß hier. Und es weht nicht ein kleines bisschen Wind. Mein Date merkt auch irgendwann, dass das nicht optimal ist für Romantik, nicht einmal für Outdoor, also ziehen wir nach zwei langen Stunden weiter.
seventy-8 hat eine Überraschung vorbereitet. Wir fahren als nächstes zur Skihalle in Neuss! Dabei tut er so als wäre dieser Ausflug das tollste Geschenk, das ich mir vorstellen könnte. Yeah! Eine Skihalle! Die wichtigste Sehenswürdigkeit von Neuss! Und ich kann nicht Ski fahren! Doch wir sind eh nicht zum Skifahren hier. In der Halle ist es kalt. Und es fahren halt ein paar Idioten Ski. Draußen vor der Halle ist eine Art Biergarten aufgebaut. Whoa! Hier wird bayrische Volksmusik gespielt. Oder ist es österreichische? Keine Ahnung, wo ist da auch der Unterschied? Egal. Wir setzen uns hin und trinken Cola. seventy-8 hat ein Notizheft mitgebracht und braucht jetzt Zeit, um für eine Klausur zu lernen. Ich bringe ihm bei, wie man Zahlenkombinationen - in diesem Fall Jahreszahlen - am besten auswendig lernen kann. Ich verrate ihm nicht, dass ich am Tag zuvor nach dem hundertsten Mal Benutzen meine Handy-PIN vergessen habe. Dann schaue ich ihm zu, wie er mühsam seine Zahlen lernt und langweile mich bei alpiner Jodelmusik. Eigentlich hatte ich gedacht, dass ALLES besser sei als allein zuhause rumzusitzen, aber jetzt bin ich mir da nicht mehr sicher. Ich stehe auf und beschäftige mich mit den paar armen, in einem Gehege eingesperrten Ziegen (echte Ziegen!), die es in solchen Fake-Alpen-Biergärten ja immer geben muss. Meinem Begleiter würde ich am liebsten eins in die Fresse schlagen. Das alles ist soo weit von der Art entfernt wie man mich ins Bett kriegt - normalerweise. Aber ich würde nie alleine von hier nach Hause kommen, also bin ich gefangen. Toll! seventy-8 hat auch nach dem zehnten Versuch seine vier Jahreszahlen noch nicht perfekt drauf, aber er findet, dass er gut genug ist. Also fahren wir weiter. Ich wische mir gedanklich den Schweiß von der Stirn.
Nächste Station: irgendein komischer Park in der Stadt. Ja, in der Stadt! Da gibt es Busse und Bahnen, die nach Hause fahren. Aber erst einmal muss seventy-8 in seine Wohnung, um etwas zu trinken zu holen. Dann der andere große Moment: er fragt mich, ob ich mit ihm in sein Zimmer will. Ich bemerke die Bedeutung dieser Frage gar nicht so richtig - die Sonne muss mein Gehirn ernsthaft beschädigt haben - und folge ihm willenlos in seine Wohnung. Immerhin ist es hier erfrischend kühl. Und grau. seventy-8 scheint sämtliche grauen Ikea-Möbel gesammelt zu haben, die es gibt. An den Wänden hängen ein paar Madonna-Bilder (das ist ok!), in der CD-Sammlung befinden sich Titel von Modern Talking (waah! waah! waaaahh! Ich kann nicht fassen, dass ich immer noch hier bin!). Immerhin ist es sehr ordentlich. seventy-8 gibt mir Wasser. Wir setzen uns auf das graue Sofa und er fängt an zu reden. Jungszeug halt. Zimmereinrichtung, Lieblingsfilme, Madonna - ich darf mir ihren Live Aid-Auftritt auf Video ansehen -, Kleidung, Pornos. seventy-8 fragt mich, ob ich kitzlig bin. Ich muss lachen, weil auf diese Tour schon lange niemand mehr versucht hat, Körperkontakt mit mir herzustellen. Ich erzähle ihm Details über meine Kitzeligkeit - in naiver, unschuldiger Art, als ob ich nicht genau wüsste, was er will. Und ich bekomme den Satz, den ich jetzt sagen sollte - "Willste mal ausprobieren?" - einfach nicht über meine Lippen. Egal. seventy-8 kann auch einfach-nur-reden. Über Schwanzgrößen zum Beispiel. Mann! Bei anderen Dates mag ich genau diesen Moment: jemand will mich und traut sich das noch nicht so richtig zu sagen. Bei diesem Date nervt es mich nur. Nach 10 Minuten Gerede über S, M, L, XL und vor allem XXL sage ich ihm, dass ich jetzt nach Hause fahren will. seventy-8 scheint enttäuscht, aber bietet mir an, mich zum Bahnhof zu fahren. Das nehme ich dankbar an, will aber vorher noch pissen gehen.
Gesagt, getan. Als ich das Bad verlasse, steht seventy-8 direkt neben mir. Und jetzt setzt er alles auf eine Karte. Er greift mir in die Seite, ich zucke zurück. "Du bist ja doch kitzlig". Dann presst er mich gegen die Wand und kitzelt mich noch mehr. Ich nehme seinen Arm, um ihn von mir weg zu schieben. Er hält dagegen und presst seinen ganzen Körper gegen meinen. Yeah, du Hengst! Dann greift er mein Gesicht und nähert seinen Mund gegen meinen. Ich hasse Küssen mit Leuten, die ich nicht mag! Und seventy-8 schmeckt wie Asche - obwohl er gar nicht so viel geraucht hat. Manchmal finde ich es sexy, Raucher zu küssen, aber hier ist es nur abscheulich. Ich versuche zurückzuweichen, aber seine Zunge ist überall in meinem Mund. Ich würde am liebsten: seine Zunge abbeißen und ihn verprügeln. Ich sollte: sagen, dass ich dass nicht mag und dann abhauen - egal wie. Stattdessen: ich lasse alles über mich geschehen und bleibe. seventy-8 greift mir an den Arsch, "das ist also deine Schwachstelle" (fuck you!), öffnet seine Hose und zieht meine Hand zu seinem harten Schwanz. Dann drückt er meinen Kopf nach unten. Sein Schwanz ist eklig irgendwie, und seventy-8 ist rasiert wie ein Kind, aber ich bin froh, nicht mehr seine Zunge schmecken zu müssen. Dann steckt er sein Teil in meinen Mund, und ich habe das Gefühl, dass auch das noch nach Asche schmeckt. Wie auch immer. Er hält meinen Kopf fest und fickt mir den Mund. Und ob ich dabei Lust empfinde, ist ihm ziemlich egal. Irgendwie halte ich mich oft für zu manipulativ, wenn ich in mein Leben eingreife und Entscheidungen treffe, vielleicht bleibe ich deswegen. Oder ich bin pervers. seventy-8 führt mich zur Couch und zieht die Vorhänge zu, dann zieht er sich aus. Und er öffnet meine Hose. Mein Schwanz ist hart, ich bin also doch pervers. Er greift mir an den Arsch, und seine Finger tasten sich zwischen meine Beine hervor. seventy-8 will mich ficken. Ich habe keinen Bock darauf, von seventy-8 gefickt zu werden, also ziehe ich seine Hand weg. Er gehorcht meiner Körpersprache und ich kann's fast nicht fassen, dass ich mich in diesem einen Punkt durchsetzen konnte. Yeah! Dafür "darf" ich noch ein bisschen an seinem Schwanz saugen. Wieder hält er meinen Kopf fest und bewegt seine Hüften. Ich bin ein paar mal kurz davor zu kotzen, so fest und tief fickt er meinen Mund. Scheiße! Als seventy-8 im Chat meinte, er möge es beim Sex gerne etwas härter, habe ich gedacht, dass seine Partner dabei ein bisschen mehr im Mittelpunkt ständen. Stattdessen darf ich hier Gummipuppe spielen. Naja, wir wechseln noch ein paar mal die Positionen, und am Ende liege ich auf dem Rücken. Sein Stöhnen wird immer lauter während er mir seinen Schwanz ins Maul schiebt. Ich habe Angst, dass er in meinem Mund kommen will, aber ich wehre mich nicht. Dann zieht er sein Ding raus und spritzt ab auf meinen Bauch. Um mich kümmert er sich danach überhaupt nicht mehr. Ich kümmere mich also selbst um mich bis ich auch komme. Ich habe keine Ahnung, ob ich mich toll dabei fühlen soll oder nicht.
Ich weiß auch danach nicht, wie ich mich fühlen soll. Ich weiß nicht, ob ich mich missbraucht fühlen soll. Ich weiß auch nicht, ob ich mich zum Singen und Tanzen fühlen sollte - so als hätte ich gerade tollen Sex gehabt. Irgendwie fühle ich mich... neutral. Ich habe auch keine Ahnung, wie ich mich jetzt seventy-8 gegenüber verhalten soll. Ich beschließe zu schweigen. Aber nicht vorwurfsvoll. Neutral halt. Eigentlich kann er ganz zufrieden mit mir sein. seventy-8 holt mir irgendwann ein Handtuch zum Abtrocknen, dann hat er es plötzlich ganz eilig, mich zum Bahnhof zu bringen. Ich muss mich blitzschnell anziehen, nach wenigen Minuten sind wir schon wieder in seinem Auto und dann am Bahnhof. Ich weiß nicht genau, wie ich mich von seventy-8 verabschieden sollte. Ich weiß nicht, ob ich ihn umarmen sollte oder ihm die Hand schütteln. Ich sage einfach nur "bis dann" und gehe. In der Bahn denke ich über alles nach. Naja, dann hatte ich also auch einmal eines dieser furchtbaren Dates, von denen alle immer erzählen. Irgendwie bin ich wirklich froh, das auch mal erlebt zu haben. Soll ich mich jetzt ekeln? Soll ich mich ekeln vor seventy-8? Vor mir? Vor dem, was ich zugelassen habe? Ach, ich bin es schnell satt, darüber nachzudenken. Ich ekle mich vor Neuss, das steht fest. Neuss stinkt. Neuss stinkt echt, wenn man mit der Bahn durchs Industriegebiet fährt. Egal. Es müssen neue Pläne her nach solch einem Erlebnis: z.B. keine Dates mehr mit Idioten. Oliver Pocher ist eh nicht sexy. Überhaupt: nicht mehr so viel gayromeo. Viel zu oldschool! Ich sollte auf myspace wechseln. Und ich sollte mir wieder hochintelligente, hübsche, total kranke Typen suchen. Da hat man wenigstens was Interessantes zum drüber-Nachdenken. Ich merke, dass ich großen Hunger habe. Es wird schon dunkel, ich beschließe zu Burger King zu gehen. Früher hätte ich mich für solch eine Aktion wie die mit seventy-8 gerne selbst bestraft, indem ich mich z.B. gezwungen hätte, einen Fleischburger zu essen (ich bin seit Kindheit Vegetarier!), heute habe ich keine Lust, mir solch komplizierte Gedanken zu machen. Ich bestelle mir das "Country Burger"-Menü - wie immer. Ich mag es, alleine in Fastfood-Lokalen zu sitzen. Mag ich wirklich. Ich sollte Geschichten schreiben darüber wie Burger King mein Leben gerettet hat! Nach dem Essen geh ich noch pissen und bemerke im Spiegel, dass da noch Spermaflecken auf meinem Shirt sind. Hoffentlich meine! Ich beschließe sofort zu duschen, wenn ich zuhause ankomme. Dann fällt mir auf wie müde ich schon bin. Ich beschließe sofort zu schlafen, wenn ich zuhause ankomme und erst morgen früh zu duschen. Ich gehe noch bei Häagen-Dazs vorbei (Vanilla Caramel Brownie mit dunkler Schokoladensoße - mmm!), dann mach ich mich auf den Rückweg. Ich fühle mich dreckig (endlich weiß ich wie ich mich fühle), aber von außen betrachtet eigentlich ganz ok. Ich beschließe, den Heimweg über die Cruising Area im Hofgarten zu nehmen. Nicht dass ich unbedingt Lust hätte, noch einmal mit irgendeinem dummen, ekligen Typen Sex zu haben, nicht dass ich unbedingt herausfinden wollte, wie tief ich sinken kann, einfach nur um... Ach, ganz ehrlich: Ich habe keine Ahnung und ich bin viel zu müde, um darüber nachzudenken, warum ich das mache.


Anmerkung:
Während ich mich ganz sicher nicht von den Ich-Personen meiner Texte distanzieren will, möchte ich an dieser Stelle aber trotzdem darauf hinwiesen, dass das nicht alles ich bin. Die beschriebenen Personen sind überzeichnet, an anderen Stellen nicht komplett.
Als ich die Texte von "Sternschlag" schrieb und zusammen sammelte, wurde mir klar, dass die paar textübergreifenden Themen unmittelbare Rückschlüsse auf den Autor zulassen würde. Ich erlaubte den Geschichten, Bilder auf den Autor zu werfen - ohne zu viel zu zensieren. Das ist etwas anderes als wählte ich, Texte zu benutzen, um mich selbst darzustellen.